Oleg Pop
* 24.12.1950 in Desnogorsk/Smolensk, Russland als Sohn eines Eisenbahners und einer Näherin
Schon früh zeigt sich sein musikalisches Genie, als er im Alter von drei Jahren – drei weitere Jahre sollen vergehen, bevor er das erste Wort spricht – das 2. Klavierkonzert von Tschaikowski nach einmaligem Hören verblüffend detailgetreu (und inklusive des Orchesterparts!) auf dem Bajan seines Großvaters wiedergeben kann. Diese Begebenheit trägt ihm später den Beinamen “Die Mannheimer Rakete von Desnogorsk” ein. Auf Bestreben der Mutter und unter strenger Geheimhaltung gegenüber dem nicht im mindesten kunstsinnigen Vater wird für den Jungen eine Lehrerin gesucht. In den folgenden elf Jahren nimmt sich die Konzertpianistin Irina Dagorowa seiner an und führt ihn in die Kunst des Klavierspiels und etwas später auch in die Freuden der Liebe ein. Als sie sich 1963 dem libidinösen Ungestüm des Knaben nicht mehr gewachsen sieht (Dagorowa ist zu diesem Zeitpunkt 86 Jahre alt), kommt es zur Trennung. Von diesem Trauma soll sich Pop nicht mehr erholen: Die Musik bleibt fortan seine einzige Liebe, der er sich nun um so bedingungsloser hingibt. Außerhalb des Musikzimmers, das von seinen Großeltern mütterlicherseits für ihn eingerichtet wird, wird er von seinen Eltern und Lehrern als wortkarg, zurückgezogen, ja unnahbar erlebt. Dennoch kann sich kaum jemand seinem außergewöhnlichen, von vielen als diabolisch empfundenen Charisma entziehen: Hier “schickt sich ein Messias der Töne an, mit traumwandlerischer Sicherheit, aber auch der brutalen Hand eines Diktators die Musikwelt in ein neues Zeitalter zu peitschen” (Zitat W. Starski 1992). Zu Gleichaltrigen hat er keinerlei Kontakt.
Aufgrund des steigenden Interesses der Fachwelt am jungen Oleg geschieht das Unvermeidliche: Der Vater erfährt durch einen Artikel in der “Prawda” von der mittlerweile beträchtlichen Reputation seines Sohnes. Es kommt zum Eklat, und er verbietet Oleg jegliche musikalische Betätigung. Allein den Überredungskünsten der Mutter Natalja Popa, einer umsichtigen, warmherzigen und klugen Frau, ist es zu danken, daß schließlich eine Lösung gefunden wird: Da Oleg Pop senior, ein asketischer Bauernsohn und glühender Leninist mit einem stark ausgeprägten Mißtrauen gegenüber jeglicher Form von Intellektualismus und romantisch-hedonistischen Kunstexzessen, in eine professionelle Musikerlaufbahn seines Sohnes nur unter der Voraussetzung einwilligt, daß diese “dem Wohle der Werktätigen der Welt dienen” solle, erhält Pop beginnend mit seinem vierzehnten Lebensjahr eine Ausbildung als Tubist im Marinemusikkorps der Admiralität Leningrad (heute St. Petersburg). Hier hat er auch Gelegenheit, fernab vom gestrengen Vater sein Klavierspiel zu vervollkommnen. Vor allem aber geschieht nun etwas, das Pop später als “meine Metamorphose – meine Entpuppung hinein in den Großen Weltgeist” bezeichnen wird: Er trifft auf seinen Mentor Aleksandr Tak.
Tak, ein innerhalb des Warschauer Paktes hoch angesehener Komponist von Militärmärschen (und, wie erst nach dem Niedergang der Sowjetunion öffentlich bekannt werden wird, zugleich einer der schärfsten Kritiker des KPdSU-Regimes!), verleiht nicht nur dem Jahrhunderttalent den letzten Schliff – dessen, da sind alle Experten einer Meinung, es im Grunde nicht mehr bedarf – sondern fördert auch ein weiteres, bis dato unentdecktes Talent des Heranwachsenden zu tage: die Fähigkeit zu kritischem Denken und philosophischer Betrachtung. Was als Lehrer-Schüler-Verhältnis beginnt, entwickelt sich schnell zu einer innigen Männerfreundschaft; wo zunächst juveniles Aufbegehren ungebremst auf die scheinbare Unnachgiebigkeit überlieferter Konventionen prallt, entsteht unausweichlich die “vollkommene, verzweifelte Symbiose zweier in-die-Welt-Geworfener” (Zitat W. Starski 1992). Diese wohl wichtigste Verbindung in Pops Leben findet 1968 ein jähes Ende, als Tak vom KGB enttarnt und in ein sibirisches Arbeitslager deportiert wird, wo er noch im selben Jahr unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt.
Pop, gerade 17 Jahre alt, bricht angesichts dieses erneuten Schicksalsschlags völlig zusammen. Die nächsten drei Jahre verbringt er in einer psychiatrischen Anstalt in Kolpino, wo er die meiste Zeit am Klavier sitzt und “Personal und Mitpatienten mit einer kleinen Auswahl immer gleicher Tak-Marsch-Medleys ‘unterhält’” (Zitat W. Starski 1992).
1971 hat sich sein Zustand stabilisiert und er wird entlassen.
Er kehrt nach Leningrad zurück und nimmt, resigniert, gebrochen und vom Leben enttäuscht, seine musikalischen Aktivitäten wieder auf. So erzielt er einige Achtungserfolge, deren wohl bekanntester, der 12teilige Liederzyklus “Über die Arbeit”, 1975 anlässlich der Völkerspartakiade uraufgeführt wird. Doch der ganz große Erfolg bleibt aus und Pop bleibt nichts anderes übrig, als im ihm verhassten Musikkorps seinen Dienst als Tubist zu verrichten.
Die nächsten Jahre vergehen mehr oder weniger ereignislos. Im September 1983 schließlich (Pop ist 33 Jahre alt) führt ihn sein Beruf in seine alte Heimat, wo das Korps den Festakt zur Einweihung des soeben fertiggestellten Blocks I des Kernkraftwerks Smolensk, nur drei Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Desnogorsk gelegen, musikalisch begleitet. Die nun folgenden Ereignisse sind vermutlich der erheblichen emotionalen Schlagkraft geschuldet, der Pop durch die Rückkehr in das Umfeld seiner Kindheit ausgesetzt ist: Als die Kapelle nach der Festrede ausgerechnet einen ihm von Tak gewidmeten Marsch aus dem Jahr 1967 anstimmt, löst sich bei Pop eine psychische Blockade. Der lange verschüttete kritische Geist erwacht in ihm, gepaart mit einer unendlich großen Trauer um seinen Freund Tak, die sich nun unaufhaltsam Bahn bricht. Während des ruhigen Mittelteils brüllt er “Ihr baut euer scheiß Atomkraftwerk im Garten meiner Mamutschka!” und intoniert – die Kapelle hat mittlerweile aufgehört zu spielen – auf seiner Tuba das Friedenslied “Die weißen Tauben sind müde” des deutschen Liedermachers Hans Hartz (während seiner Zeit in der Anstalt hatte er eine unerklärliche und auch etwas erschreckende Vorliebe für Deutschrock entwickelt, der auf eingeschmuggelten Schwarzmarkttonbändern unter den Insassen kursierte, und diese Affinität hatte sich über die Jahre noch verstärkt). Er kann gerade noch rechtzeitig fliehen, bevor die durch diese Provokation auf den Plan gerufenen Geheimdienstmitarbeiter die Bühne stürmen. Mit letzter Kraft flüchtet er sich in den Reaktorblock, fortan unerreichbar für seine Verfolger.
Aufgrund einer Anomalie in seinem Erbgut, die unter anderem auch ursächlich mit seiner musikalischen Hochbegabung in Verbindung steht, verursacht die Strahlung im Reaktorblock bei ihm nicht etwa Krebs, sondern ein Einfrieren des Alterungsprozesses, so daß er von nun an dazu verdammt ist, als ewig 33jähriger (wenn auch älter aussehend) sein Leben zu fristen.
Seine Spur verliert sich um 1984, als er auf bis heute ungeklärte Weise aus dem streng bewachten Reaktor verschwindet. An die Zeit zwischen 1984 und 1986 fehlt ihm jegliche Erinnerung. 1986 gelingt es ihm, durch befreundete Musiker Kontakt zum amerikanischen Countrysänger John Denver herzustellen, der sich gerade auf einer ausgedehnten Tournee durch die UdSSR befindet. Dieser ist beeindruckt von dem stillen Genie aus Desnogorsk und schmuggelt Pop unbemerkt von den sowjetischen Behörden außer Landes in die USA, wo er die nächsten 13 Jahre verbringt. Hier verdient er seinen Lebensunterhalt mit musikalischen Gelegenheitsgeschäften in Bars, Nachtclubs und auf der Straße, bestreitet aber gelegentlich auch kleinere einzelne Auftritte mit Stars wie John Denver, Johnny Cash, Roy Sanders oder Kurt Cobain und entdeckt seine Liebe zur Country- und Popmusik. Er bezeichnet sich als Fatalisten; jeglicher Ehrgeiz ist von ihm abgefallen und er lebt nach dem Motto “spielen, saufen, fressen, scheißen, schlafen” (Zitat O. Pop 1988). Als der renommierte russische Musikwissenschaftler Wladimir Starski 1992 für ein Buch über Pop recherchiert, um dessen immense Bedeutung für die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen, ist Pop schlicht “nicht interessiert”.
1999 schließlich hat er genug Geld gespart, um nach Husum, Deutschland zu reisen und seinem Idol Hans Hartz einen Besuch abzustatten. Dieser ist aber gerade im Rahmen einer Konzerttournee in Bad Salzuflen. Als Pop in der Kurstadt ankommt, ist Hartz allerdings schon abgereist und Pops Geldmittel sind aufgebraucht. Deswegen stellt er sich in die Fußgängerzone und macht Straßenmusik. Dort wird er von Roy Sanders, mit dem er in den 80er Jahren einen Auftritt gespielt hatte und der gerade mit Bert Kortheim, einem Sachbearbeiter des örtlichen Arbeitsamtes, eine neue Band zusammenstellt, nicht wiedererkannt.
So entstehen “Die 3 von der Funkstille”.
Fortan stellt Pop sein musikalisches und philosophisches Jahrhunderttalent, dessen profunde Einsicht in den Weltenlauf am besten mit den Worten “spielen, saufen, fressen, scheißen, schlafen” charakterisiert werden kann, in den Dienst dieser wundervollen, wundervollen Band.